Das Leben des David Gale – Grundmuster

Die Visualisierung der Zeit

Den ganzen Film über präsent und erst gegen Ende hin auffällig visualisiert ist das Muster der Zeit.
Ihr Voranschreiten wird auf zwei verschiedene Weisen dargestellt.
So werden generell die Rückblenden durch eine Drehung der Kamera gegen den Uhrzeigersinn inszeniert um symbolisch eine Zeitreise in die Vergangenheit darzustellen. Außerdem wird ab Gales letztem Tag im Todestrakt das Fortschreiten der Zeit für den Zuschauer explizit dokumentiert. Es werden in kurzen Abständen immer wieder Uhren eingeblendet. Die Zeit verrinnt nicht nur für David, der seinem Tod entgegensieht, sondern auch für Bitsey, die den vermeintlichen Beweis für Gales Unschuld in den Händen hält und wegen einer Autopanne zu Fuß auf dem Weg ins Gefängnis ist. Sie hofft, ihn doch noch retten zu können, doch auch ihr läuft die Zeit davon.

Opernmusik und Dusty Wright

Die Figur Dusty Wright ist zunächst nur unbemerkter Beobachter. In einigen Szenen sieht man seinen Cowboyhut, jedoch nur, wenn man ganz genau hinschaut. Dusty agiert eher im Hintergrund des Geschehens, doch ist er der Schlüssel zur Auflösung des Falles Gale.
Zunächst vermutet man hinter ihm einfach einen fanatischen Gegner der Todesstrafe, der entlastendes Material zurückhält und Gale benutzt, um zu beweisen, dass auch Unschuldige der Todesstrafe zum Opfer fallen. Doch wie bei anderen Charakteren auch erscheint sein Handeln am Ende des Films in einem ganz anderen Licht.
Wenn Dusty in einer Szene auftaucht erklingt immer eine anfangs unbekannte Opernmusik. Sie entstammt der Oper Turandot und wird im Laufe des Films zu einer Art Erkennungsmelodie oder Thema für ihn. Eine Figur in der Oper ermordet sich selbst auf tragische Weise, um das Leben eines anderen Menschen zu retten. Dusty erinnert das sofort schmerzlich an Constanze, die er so verehrt hat. Die Auswahl der Oper „Turandot“ als allgegenwärtiges Motiv ist sicherlich nicht aus Zufall gewählt worden. Hierin lässt sich durchaus eine Parallele zum Film ziehen, da Constance und auch David ihr Leben dafür hingeben, um andere zu retten.
Die Biographisierung, die Dusty im Film durchlebt, wird anhand dieses Musters deutlich. So gönnt sich Dusty nach dem Tod Gales, den Live-Genuss seiner geliebten Oper in Italien. Sein Cowboyhut, als Markenzeichen seiner alten Persönlichkeit und eines vergangenen Lebensabschnittes, trägt er nicht mehr. Er hat mit einem Kapitel in seinem Leben abgeschlossen.

Worteinblendungen

Eine weitere Auffälligkeit ist das blitzlichtartige Einblenden von Schlagwörtern, die Davids momentane Gedanken und Gefühle kurz und einprägsam für den Zuschauer auf den Punkt bringen.
Sie beschreiben seine verschiedenen Gemüts- und Gefühlszustände an diversen Zeitpunkten und zeichnen somit seine Wandlung nach. Die eingeblendeten Worte sind sowohl Tafelschrift, als auch als Schreibmaschinenschrift oder Handschrift. Sie wirken, als wären sie in irgendeinem Moment aus einem Tafelbild Gales, aus Bitseys Notizen oder aber der Unterlagen der Staatsanwaltschaft abfotografiert worden und stehen somit nicht nur für Davids Gedanken sondern auch für die Sicht Aussenstehender auf ihn. Während der Einblendungen taucht auch immer wieder das Muster des sich im Uhrzeigersinn drehenden Bildes auf.

Cloud-Dog

Das bereits stark ergraute und abgeschmuste Kuscheltier nimmt Davids Sohn Jamie jeden Abend mit ins Bett, weil er ohne sein Schaf nicht einschlafen kann. Doch als er seinen Vater allein zurücklassen muss, gibt er ihm seinen geliebten Cloud-dog. Somit ist dies das Einzige, was Gale neben ein paar Fotos von seinem Sohn bleibt und stellt für ihn damit ein wichtiges Erinnerungsbild dar. Cloud-dog wird zu seinem ständigen Begleiter. Er ist für ihn ebenso wie für seinen Sohn Einschlafhilfe und vor allem Trostspender. Für den Zuschauer visualisiert dieses Stofftier immer wieder Gales Verlust seiner Familie und den Wendepunkt in seinem Leben.
Das Schaf, das eigentlich Wolkenhund heißt, bekommt eine eigene Biographie im Film. Ist es noch zu Beginn lediglich das Kuscheltier eines Kindes, wird es doch zum Trostspender für Gale und am Ende zum Erlöser für Bitsey von ihren Schuldgefühlen. So macht es allerdings keine Biographisierung durch, sondern erlebt lediglich eine gewandelte Bedeutung für die einzelnen Charaktere des Films. Wobei ein Kuscheltier wohl generell unfähig ist eine Biographisierung zu erleben.:-)

Bitsey’s Biographisierung

Indem Gale Bitsey an seinen Erinnerungen teilhaben lässt, macht auch Bitsey eine Biographisierung durch. Eine für sich selbst und auch im Hinblick auf ihren Interviewpartner, den sie zunächst für einen brutalen Mörder und Vergewaltiger hielt. Doch am Ende erkennt sie David Gale als einen Mann, der sich für seine Ideen und Ideale aufopferte.
Was für Bitsey zunächst lediglich die Erinnerungen eines Mörders an sein altes Leben ist, löst in ihr nach und nach einen Prozess aus. Sie kann dieses Interview nicht einfach – wie zunächst geplant – niederschreiben, ohne sich zu involvieren und Stellung zu beziehen. Dabei lässt Gale seine Geschichte geschickt auf Bitsey wirken und involviert Bitsey so stark wie er es geplant hatte. Vor allem über Schuldgefühle und Appell an ihren Stolz als konsequente, gerechte Reporterin übt er starken Druck auf sie aus. Somit macht auch sie eine Biographisierung durch. Am Ende erkennt sie was David Gale tatsächlich für ein Leben geführt hat und was für ein Mensch er war.